Aufgeschlossen - mehr Licht

Dem alten Goethe wird nachgesagt, er habe noch auf  dem Totenbett  "mehr Licht" verlangt. Es ist wohl eher eine Anekdote, die dem Leben dieses Universalgenies auf dessen Totenbett die passende Überschrift verleihen soll. Klar, dass Goethe hier nicht vom Energiesparlampen redet, sondern von mehr Geist und Erleuchtung.

Ob er`s heute noch so sagen würde? Angesichts eines Beleuchtungswahns, der oft schon groteske Züge annimmt,  vom Skybeamer über unzählige Weih-nachtslichterketten und beleuchtete, aufblasbare Gumminikoläuse bis hin zu so manch schlecht illuminierten Kirchturm, der mahnend zum Himmel weist. Dazu kaltbläuliche Garten-LEDs, die die bestäubenden Nachfalter anlocken und die da von den Fledermäusen bequem abgefischt werden, während sich die Gartenbesitzer wundern, dass nicht mehr viel blühen mag in ihrem Gartenbiotop.

Warum müssen wir alles künstlich beleuchten, die  Nacht zum Tage machen? Warum müssen unsre Türme sichtbar an den Wolken kratzen? "Auf dass wir uns einen Namen machen", wie  es schon in der Geschichte vom Turmbau zu Babel heißt?

Und auch wenn Jesus dazu aufgerufen hat, sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen, so bin ich mir  ziem-lich sicher, dass er hier nicht von Halogenscheinwer-fern geredet hat.

Gottlob gibt es auch Hoffnungsschimmer. Seit 2015 ist die Rhön ¨Dark Sky¨ Region. Das bescheinigt ihr, dass hier das himmlische Licht nachts noch heller leuchtet als Gumminikoläuse.

Also, wenn ich die Wahl hätte zwischen einem hell illuminierten Kirchturm oder dem Himmels“dom“, den wir Sternenhimmel nennen, ich würd mich für letzteren und damit für das göttliche Originalbauwerk entscheiden.

Vor zwei Jahren verkündet das Stadtmagazin einmal für Lichtmess (!) die Aussendung der Drei Könige in der Neurologischen Klinik. Mancher fragte sich da, ob das eine Fehlmeldung sei oder sich die Drei verlaufen hatten, weil sie vor lauter grell beleuchteter Kirchen und Busbahnhöfe den Stern nicht mehr gesehen hatten!?

Die Patienten in meiner Arbeit an den Kliniken lehren mich jedenfalls oft etwas andres: Je dunkler die Nacht, desto deutlicher leuchtet der Stern, das göttliche Licht.

Pfarrer Harald Richer, Klinikseelsorge Bad Neustadt