Aufgeschlossen - Wunsch oder Wirklichkeit

Ein Vers aus der Weisheitsliteratur des Alten Testamentes begleitet mich schon eine lange Zeit meines Lebens, nämlich von der Konfirmation über die Trauung bis hin zur Ordination, d. h. der Einsetzung in mein Amt: „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber Gott allein lenkt seinen Schritt.“ (Sprüche Salomos Kap. 16, Vers 9).

Oder mit anderen Worten, frei zitiert aus einem Lied von John Lennon: Du machst eifrig Pläne für die Zukunft, aber das, was dann passiert, das ist das wirkliche Leben.
Lange habe ich das so empfunden: „Okay, ich wollte zwar etwas anderes, bin nun aber hier gelandet.“ Ich habe gelernt, die Vorteile zu suchen und zu erkennen. Inzwischen stellt sich mir immer mehr die Frage: Muss es denn wirklich ein ABER sein, ein Gegensatz zwischen Plan/Herzenswunsch und Gottes Lebenslenkung/Realität? Fühlen wir uns, fühle ich mich, auf meinem Lebensweg so weit weg, von dem, was Kopf und Herz gerne hätten?
Kluge Denker sagen, dass Umwege, Irrwege oder sogar Sackgassen AUSFLÜGE in unserem Leben sind, ohne die wir vieles nie erlebt oder gelernt hätten, also somit jeder „andere“ Weg doch vielleicht der „richtige“ Weg ist.

Im hebräischen Originaltext der Sprüche Salomos steht an der Stelle des „Abers“ der Buchstabe Waw (˥). Dieser lässt sich auch als „und“ übersetzen. Das würde bedeuten, Mensch und Gott haben eigentlich doch nicht zwei unterschiedliche Richtungen, in die sie wollen, sondern sie schauen in ein und dieselbe. Lenken heißt dann nicht, ich muss mich total neu ausrichten und von meinen Herzenswünschen Abschied nehmen, sondern Gott hakt sich bei mir ein und führt mich sanft den richtigen Weg zum Ziel, zu unserem gemeinsamen Ziel. Das passt auch zu dem, was Gott über sich selbst – schon ganz am Anfang der Bibel, also am Anfang der Geschichte Gottes mit den Menschen, den Israeliten – von sich selbst offenbart hat: Im brennenden Dornbusch offenbart Gott Moses seinen Namen und damit auch sein „Programm“: Ich bin immer da! Egal, wohin Du gehst, egal, wer Du sein wirst, ich werde bei Dir sein!

Liebe Leserin, lieber Leser, lassen Sie Ihren Kopf planen, Ihr Herz wünschen und gehen Sie frohen Mutes und mit großen Schritten Ihren Weg und freuen Sie sich, wenn Sie das Gefühl haben, Sie machen vielleicht einen kleinen Extraausflug, denn dann hat sich Gott eingehakt und geht mit Ihnen!

Gottes Segen wünscht Ihnen Ihre
Marion Ziegler, Pfarrerin in der Klinikseelsorge der Neurologischen Klinik, Bad Neustadt, und im Schuldienst