Aufgeschlossen - Ich hatte euch lieb

Es beeindruckt mich, wie Menschen uns über die Zeiten hinweg berühren können mit dem, was sie hinterlassen haben. Mit ihrer Musik etwa, oder einem Bild, wie sie gelebt  oder was sie geschrieben haben. Von einer solchen Berührung der letzten Wochen will ich erzählen:

Urlaub an der Ostküste Rügens, im kleinen verschlafenen Hafenort Lauterbach. Das Ferienhaus liegt, von einem großem Garten umgeben etwas außerhalb und einsam im Biosphärenreservat, und wenn man den alten Buchenwald Richtung Lauterbach verlässt, schweift der Blick über Hafen und Meer hinüber zum vorgelagerten Vilm, einer kleinen Inseln mit 400 Jahre altem Urwald. Man setzt sich zum Essen unter die neoklassizistischen Säulen  des prächtigen „Alten Badehauses“. Eine friedvolle Urlaubsidylle, traumhaft, wie gemalt.

Irgendwann in der ersten Woche werde ich aufmerksam auf einen eher unscheinbaren Gedenkstein unweit des „Alten Badehauses“. Die Inschrift am Fuß des Denkmals lautet: „Ehre den Opfern des Faschismus, die nach der Zwangsevakuierung des KZ Stutthof im April/Mai 1945 auf dem Greifswalder Bodden und in der  Umgebung von Lauterbach ermordet wurden.

Für einen Moment wird die Idylle durchscheinend. Zeitreise. 70 Jahre zurück. Dann fällt mein Blick auf die Hauptinschrift. Sie stammt vom Julius Fučík, einem tschechischen Autor, der selbst von den Nazis ermordet wurde. Es ist dieser Satz, der mich so anrührt: „Menschen, ich hatte euch lieb, seid wachsam“. Plötzlich berührt mich ein Mensch, den ich nicht gekannt habe. Einer, der gehen musste, ehe ich kam, ermordet im Alter von 40 Jahren. „Menschen, ich hatte euch lieb, seid wachsam“ Geschrieben, als er offenbar schon ahnt, was auf ihn wartet. Ich lege einen Stein zu jenen, die schon oben auf dem Gedenkstein liegen, so wie man es von jüdischen Friedhöfen kennt.
Wie gut, dass dieser Stein hier steht; gerade in diesen Monaten, in denen das nationalistische Gespenst  wieder sein Haupt erhebt, mitten in Europa. Und wie heilsam, dass diese berührende Botschaft nicht an Angst und Hass appelliert, sondern zur Liebe aufruft  und zur Wachsamkeit.

Pfarrer Harald Richer, Klinikseelsorge Bad Neustadt