Aufgeschlossen - Gretchenfrage

Es gibt Dinge, die sind so großartig, aber zugleich so selbstverständlich, dass man sie in ihrem Wert kaum mehr wahrnimmt. Das kann zum Beispiel die eigene Ehe sein. Oder eine seit Jahrzehnten bestehende Freundschaft. Oder die in diesen Tag von manchen so gescholtene Europäische Union. Aber wenn man für sie schwärmen wollte, man wüsste nicht, wo man anfangen sollte. Seit über 70 Jahren kein Krieg, keine Verfolgung, kein Hunger. Nach Frankreich fahren ohne Grenzkontrolle und ohne Geld tauschen zu müssen. In Italien und Dänemark mobil telefonieren und im Internet surfen ohne Zusatzkosten. Und die vielen Maschinen und Autos, die wir Deutsche exportieren, verkaufen sich auch wegen des Euro so gut. Doch allem voran: Frieden. Seit über 70 Jahren.

An diese Großartigkeit haben wir uns so gewöhnt, dass wir sie gar nicht mehr wahrnehmen. Könnte es sein, dass es sich mit anderen Großinstitutionen ähnlich verhält? Zum Beispiel: die Kirche? Kürzlich las ich in einer Zeitung die Frage gestellt, ob Kirche bzw. Religion an der Naturzerstörung schuld sei. Und mir kam dabei die Frage, ob es eigentlich noch irgendetwas gibt, woran die Kirche nicht schuld ist? Manchmal beneide ich Menschen muslimischen Glaubens bei uns, mit welchem Stolz sie ihrer Religion begegnen. Und wie halten wir es mit unserer Religion? Damit ich nicht falsch verstanden werde: Selbstkritik ist wichtig und richtig. Und doch könnte ich für die Kirche schwärmen: Ihre Botschaft von einem gnädigen Gott, dem ich mich in meinem Leben und auch danach anvertrauen kann. Der Glaube an die Auferstehung der Toten. Das Bekenntnis zu den eigenen Fehlern und die wunderbare Möglichkeit der Vergebung. Große Gedanken, die über diese Welt hinausreichen.

Kann es sein, dass Kirche und christlicher Glaube in ihrem Wert nicht wahrgenommen werden, weil sie so selbstverständlich geworden sind? Aber was wäre, umgekehrt gefragt, wenn es Kirche und christlichen Glauben nicht mehr gäbe? Ein Atheist hätte an dieser Aussicht wohl seine Freude. Aber vorsichtig: er hätte nichts mehr, wovon er sich dann noch abgrenzen könnte. Und alle anderen? Muss ich als Mensch nicht an etwas glauben können? Und brauche ich dazu nicht einen Ort, wo solcher Glaube bewahrt wird? In Psalm 26 steht der schöne Satz: Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt. Ich glaube, wir brauchen wieder mehr Liebesbekenntnisse: In jedem Fall zu Europa. Aber warum eigentlich nicht auch zu unserer Kirche?

Dekan Dr. Matthias Büttner, Bad Neustadt