Aufgeschlossen - Freundlichkeit und Menschenliebe

Einer der ersten Konflikte innerhalb der noch jungen Christenheit entzündete sich an der Frage, ob ein Mensch, der Christ werden wollten, zunächst vorher noch Jude werden müsste. Dieses Problem war keineswegs an den Haaren herbeigezogen. Denn erstens entstammt das Christentum dem Judentum. Zweitens war die Bibel der Juden (wir nennen sie heute das Alte Testament) von Anfang an die Bibel auch der ersten Christen und ist es bis heute und schließlich waren alle Apostel wie auch Jesus selbst Juden gewesen. Der Völkerapostel Paulus gab die Antwort: Nicht-Juden, die Christen werden wollen, müssen zuvor nicht Juden werden. Und er untermauerte seine Überzeugung mit einer schönen Geste. Als diese Streitfrage nämlich auf dem Apostelkonzil in Jerusalem geklärt werden sollte, reiste Paulus zusammen mit einem gewissen Titus an. Titus stammte aus Syrien und war nach damaligen Verhältnissen Grieche; aus jüdischer Perspektive also ein Heide. Aber Titus hatte sich bereits taufen lassen und war Christ geworden ohne vorher sich zum Judentum zu bekehren. Was würde nun geschehen? Offenbar war die menschliche Begegnung zwischen Titus und den jüdisch-christlichen Aposteln derart beeindruckend, dass der Heidenchrist Titus als solcher akzeptiert wurde.

Es ist ein schönes Beispiel dafür, wie zwischenmenschliche Begegnung den unverzichtbaren Austausch von Argumenten auf ein höheres Niveau heben kann. Und es ist daher wohl kein Zufall, dass im Titusbrief, der die Erinnerung an jenen Mitarbeiter des Paulus wach halten wollte, Freundlichkeit und Menschenliebe als Eigenschaften Gottes beschrieben werden. Dort heißt es: Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, machte er uns selig - nicht um der Werke willen, die wir in Gerechtigkeit getan hätten, sondern nach seiner Barmherzigkeit. (Titus 3,4-5) Zwischenmenschliche Begegnung hebt alles auf ein höheres Niveau. Erst recht, wenn sie von Freundlichkeit und Menschenliebe gekennzeichnet ist.

Dr. Matthias Büttner, Dekan in Bad Neustadt