Aufgeschlossen - Farbe bekennen

Sind Sie eigentlich für das Kreuz - oder dagegen? – Dieser Frage müssen sich scheinbar im Moment viele Menschen in Bayern stellen, seit der bayerische Ministerpräsident Markus Söder angeordnet hat, dass Kreuze in allen Behörden des Freistaats aufgehängt werden müssen. Für die einen, die gar nichts oder etwas anderes glauben, fällt die Antwort womöglich leicht. Für andere scheint es eine abendländische Selbstverständlichkeit. Aber für einige Christen, selbst für verdiente Vertreter der Kirche wie Kardinal Reinhard Marx, wird die Antwort in der aufgeheizten Stimmung dieser Tage zur Bewährungsprobe. Schweigen wollen und können sie nicht, wenn das zentrale Symbol des Christentums von der Politik hergenommen wird, um ganz eigene Zeichen zu setzen. Aber kann man als Christ – vor allem als Kardinal oder Bischof – überhaupt „gegen das Kreuz“ sein?
Das Kreuz ist in der vergangenen Woche zum Stein des Anstoßes geworden. Politiker erklären Bischöfen, was es mit dem Kreuz in Wahrheit auf sich hat und Pfarrer stellen sich gegen seine öffentliche Verbreitung, weil sie das Kruzifix vor parteipolitischer Vereinnahmung beschützen wollen. Verrückte Welt. Und doch passiert in dem allen etwas höchst Sinnvolles. Jede Christin und jeder Christ ist nämlich herausgefordert, Farbe zu bekennen – oder besser: Glauben. Denn das ist das Kreuz in erster Linie, ein Glaubensbekenntnis. Es ist ein Bekenntnis zum, der durch dieses Kreuz sein Leben für alle anderen verloren hat, damit alle, die daran glauben, frei leben können. Frei von aller Schuld. Frei von der Endgültigkeit des Todes. „Das Kreuz ist ohne den, der daran hing, nicht zu haben“, – lautet ein prägnanter Satz von Kardinal Marx. Das Bekenntnis zum Kreuz ist mehr als die Zustimmung zu einem bayerischen Wertekanon. Es ist mehr als die freundliche Erinnerung daran, ein guter Mensch zu sein. Es ist das Grundsymbol unserer Erlösung, für alle, die daran glauben. Ich glaube daran. Ich bin für das Kreuz. Deswegen bin ich gegen eine Vereinnahmung des Kreuzes als Platzhalter für eine bayerische Lebensart.

Lutz Mertten, evang. Pfarrer Bad Königshofen