Aufgeschlossen - Ernten, ohne selbst gesät zu haben

Am kommenden Sonntag ist Erntedankfest. Die Ernte ist eingefahren, die Arbeit zumeist getan. Es gilt Dank zu sagen, denen, die gute Arbeit geleistet haben, aber auch dem, der wachsen hat lassen, wenn auch nicht unbedingt unter idealen Bedingungen, nämlich Gott. Nun kann eine ruhigere Zeit eigentlich beginnen, oder? Ich weiß nicht, ob es Ihnen wie mir geht, die ich mit meiner Arbeit nicht so sehr dem Jahreszeitenablauf folge. Irgendwie beneide ich die Menschen, denen die Natur auch Grenzen setzt.

Mir selbst Arbeits-Grenzen zu setzen, fällt mir oft schwer. Eben, weil es getan sein muss und niemand anderes es tut oder anscheinend tun kann. Das Ergebnis: Nicht meiner Hände Arbeit, sondern ich selbst bin „reif“. Reif für die Insel, reif für das Ausbrechen aus dem Alltagstrott, reif für eine Pause, für eine wie auch immer geartete Auszeit. Ja, es tut gut, eine Zeitlang etwas anderes zu tun als die alltägliche Arbeit. Oder einfach auszuruhen. Zeit zu haben für Dinge, für die sonst keine Zeit bleibt. Pause machen. Luft holen. Schon zu Zeiten der Bibel war bekannt: Wir Menschen brauchen Pausen. Zu den Lebensregeln Gottes für uns Menschen gehört auch dies: „Sechs Tage sollst Du arbeiten und alle Deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des Herrn, Deines Gottes. Da sollst Du keine Arbeit tun … Denn in  sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage“ (2. Mose 20, 9-11).

Was für ein Geschenk an uns Menschen. Wir dürfen Pause machen. Wir dürfen uns ausruhen. Wir dürfen innehalten. Nicht nur im Urlaub, in den Ferien. Immer. Regelmäßig. Gott selber ruht sich aus und macht Pause. Und schenkt auch uns jede Woche einen Tag zum Ausruhen. Zumindest einen Tag, an dem wir die Hektik und Rastlosigkeit all der Arbeiten unterbrechen dürfen, die wir zu tun haben. Einen Tag, auch um Gott zu begegnen - im Gebet, in der Stille, im Gespräch mit anderen Menschen. Einen Tag, um uns und anderen Gutes zu tun und wahrzunehmen, was dem Leben dient. Einen Tag, um zu entdecken, wie freundlich das Leben und die Menschen sind. Bewusst „Danke“ sagen kann man also auch mit Innehalten und mit einem Staunen über Gottes wunderbare Schöpfung. Das ist Ernten, ohne selbst gesät zu haben!

Ihre Marion Ziegler, Pfarrerin in der Klinikseelsorge der Neurologischen Klinik, Bad Neustadt, und im Schuldienst