Aufgeschlossen - Die Entdeckung der Menschlichkeit

„Einigkeit und Recht und Freiheit…“ – so fängt unsere Nationalhymne an. Und damit sind zugleich die großen Errungenschaften des 3. Oktobers 1990 für die vielen Menschen genannt, für die endgültig alles niedergerissen sein sollte, was sie von Einigkeit und Recht und Freiheit fernhalten wollte. Ein Sieg der Menschlichkeit. Wir feiern. Was eigentlich? Uns Deutsche? Da wird nicht nur dem ein oder der anderen Mitbürgerin aus den östlichen Bundesländern die Feierlaune vergehen. Die haben schon längst gemerkt, dass die ungezügelte freie Marktwirtschaft des Westens mit Recht und Freiheit, die sie eigentlich meinten, wenig zu tun hat. Und mit der Einigkeit der Deutschen ist es auch noch nicht so weit her, was allein schon die unterschiedlichen Löhne und sozialen Standards in Ost und West zeigen.  Aber schließlich müssen sich alle Deutschen an die eigene Nase fassen, wenn sie in Deutschland morgen die Entdeckung der Menschlichkeit feiern wollen. Da kommen tausende Menschen in unser Land auf der Suche nach Einigkeit und Recht und Freiheit, weil sie Menschen sind wie wir – und wir weisen ihnen ihren Platz in runtergewohnten Asylbewerberunterkünften zu, beschränken ihre Freiheit und ihr Recht auf Selbstbestimmung. Und damit nicht genug – einige wurden von unseren Leuten gedemütigt und geschlagen und ihrer Würde beraubt. Mit welchem Recht tun wir das alles? Mit welchem Recht feiern wir uns? Einigkeit und Recht und Freiheit – das ist für viele Menschen in unserem Land noch ein weiter Weg. Also statt „Ein Hoch auf uns“ und „Hoch die Tassen“ lieber noch einmal in die Hände spucken und weiterbauen an der Menschlichkeit in unserem Land. Und wem dennoch nach singen zumute ist, der kann ja Evangelisches Gesangbuch, Nummer 420 anstimmen: „Brich mit dem Hungrigen dein Brot, sprich mit den Sprachlosen ein Wort, sing mit den Traurigen ein Lied, teil mit dem Einsamen dein Haus.“ Danach lasst uns alle streben, brüderlich, mit Herz und Hand.

Lutz Mertten, Pfarrer in Bad Königshofen