Aufgeschlossen - Der 12. Mann

Das war eine ganz schöne Pleite: 4:0 verliert der Rekordmeister aus München gegen Real Madrid. Das hatten wir uns ganz anders vorgestellt. Da war schon von der Wiederholung des legendären Triple-Erfolges aus dem letzten Jahr die Rede. Nix war`s. Aber die Fans – kein Spot, keine Pfiffe, keine Häme gegen die Spieler. Im Gegenteil: das ganze Spiel hindurch wird die Mannschaft von den Rängen angefeuert. Wie der zwölfte Mann auf dem Rasen, so stehen die Fans zu ihrem Verein.

Mitten unter ihnen: Uli Hoeneß, der verurteilte Steuersünder, der „Mann mit Format“, wie ihn der Ministerpräsident nennt. Die Fans stehen auch zu ihm. Klar, man kritisiert sein Fehlverhalten, aber man lässt ihn nicht fallen. Echte Fans stehen zueinander, auch wenn’s mal eng wird.

Was das nun mit einem geistlichen Wort zu tun hat? Einerseits kann man natürlich die Loyalität und den Zusammenhalt, die die Fußballfans hier zeigen, als christliche Tugenden loben. Zweitens kann man aber auch mal einen Vergleich mit der Kirche wagen: Loyalität und Zusammenhalt, auch in schweren Zeiten, das würde ich mir für meine Kirche auch wünschen. Aber statt aufmunternder Unterstützung aus den eigenen Reihen treten Menschen wegen Bischof Tebartz-van-Elst sogar aus der evangelischen Kirche aus. Das ist natürlich nur ein Beispiel. Auf jeden Fehltritt der Amtskirche folgt in der Regel eine Flut von Austrittserklärungen. Man zeigt mit dem Finger auf „die da oben“, mit denen man ab sofort nichts mehr zu tun haben will. Natürlich: Fehler müssen kritisiert und – wenn nötig – auch betraft werden, keine Frage. Aber mir fehlt in den eigenen Reihen oft ein Gedanke, der im Stadion gelebt wird: wir alle sind Teil der Gemeinschaft. Wir gewinnen zusammen und wir stehen Niederlagen gemeinsam durch. Wir alle sind der Verein, nicht nur die da unten auf dem Rasen oder die da oben in den VIP-Logen. Das könnten wir Christen auch: Wir sind das Volk Gottes, nicht nur die Würdenträger. Wir sind die Kirche. Wir sind die Gemeinschaft der Heiligen - „damit sie alle eins seien.“ (Joh 17, 21)

Lutz Mertten, evang. Pfarrer Bad Königshofen