Aufgeschlossen - Dankbarkeit

Jesus hat ihr in einem Gleichnis ein Denkmal gesetzt: der armen Witwe, die in den sogenannten Gotteskasten ihr Scherflein einlegt und dabei alles gibt, was sie zum Leben hat. Dieses Alles ist zwar rein rechnerisch nicht viel. Luther gibt in seiner Übersetzung als Gegenwert einen Pfennig an, also einen Cent. Aber ideell gesehen ist es unermesslich viel. Genauso ist es auch beim Danken. Auch hier kommt es darauf an, dankbar zu sein für das, was ich habe. Und diesen Dank der Klage vorzuziehen über das, was ich so gerne hätte. Ein kleines Denkmal möchte ich deshalb heute den vielen älteren Frauen (es waren wirklich meist Frauen!) setzen, die so viel mitmachen mussten in ihrem Leben und die dennoch beim Geburtstagsbesuch sagen konnten, dass sie zufrieden und, ja, dankbar seien. Und plötzlich finden wir uns bei den ganz großen philosophischen Fragen wieder. Ein großer Denker brachte es so auf den Punkt: Nicht der Glückliche ist dankbar, sondern der Dankbare ist glücklich. Also: der, dem sich das Leben stets von seiner sonnigsten Seite gezeigt hat, der stets Glück hatte, dem es gut geht, der ist nicht unbedingt dankbar für das alles. Häufig ist es sogar so, dass der, dem es gut geht, dieses Gut-Gehen bestenfalls als Normalität empfindet und bereits nach einem Besser-Gehen schielt. Der Glückliche ist also keinesfalls automatisch auch dankbar. Aber jetzt umgekehrt: der Dankbare. Er ist dankbar für nahezu alles, auch für das Selbstverständlichste. Daher freut ihn alles, auch das Normalste vom Normalen. Und deshalb ist er glücklich. Der Dankbare ist glücklich: das ist die Lebensphilosophie, die uns ein Wort aus dem Kolosserbrief im 3. Kapitel nahebringen will. Wer dankbar ist, sieht offenbar mehr, erlebt mehr, freut sich mehr. Singt Gott dankbar in euren Herzen, hören wir darin. Ein Geheimnis offenbar, ein Geheimnis des guten Lebens, das wir uns heute erschließen lassen wollen für die vor uns liegenden Sommerwochen: Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

Dr. Matthias Büttner, Dekan in Bad Neustadt