Aufgeschlossen - Dabei sein ist alles

„Auf die Plätze…,“ dröhnt die strenge Stimme des Kampfrichters, und die Athleten treten an die Startblöcke. Zögerlich betritt auch der Läufer aus Brasilien die Bahn. „Wo ist eigentlich mein Platz bei der ganzen Geschichte?“ fragt er sich. Na klar, die Außenbahn hat man ihm zugewiesen. Er schaut sich um. Auf den besseren Innenbahnen schütteln sich die Vertreter der USA und der europäischen Länder locker die Hände. Auf der anderen Außenbahn macht sich ein Syrer bereit und schaut sich genauso ängstlich um. „Fertig…“, ertönt es aus den Lautsprechern. „Fertig? Nein, noch lange nicht!“ will der Brasilianer rufen, aber ihm ist klar, dass er jetzt antreten muss. Denn das hier ist kein Hundertmeter-Lauf. Das hier ist ein Kampf ums Überleben. Gewinnen will er ja gar nicht. Nur Anschluss halten, nur irgendwie ins Ziel kommen und der entsetzlichen Armut in den Favelas entkommen. Dem Hunger der Menschen und  dem Gestank der verseuchten Natur einfach davonlaufen. Den Crack-Dealern den Rücken kehren. Die Chancen stehen schlecht. Er weiß, er ist ganz auf sich allein gestellt. Niemand wird ihm helfen. Die anderen Läufer bestimmt nicht, sie sind auf den Sieg fixiert. Nur der Syrer schaut herüber und sieht so aus, als wisse er, um was es in diesem Rennen geht. Und das Publikum lacht nur und klatscht fröhliche Sambarhythmen. „Vielleicht solltest Du bis zu den Paralympics warten“, raunzt der Amerikaner zu ihm rüber, „schließlich ist dein Leben zwischen Armut und Gewalt auch so etwas wie eine Behinderung.“ „Vielleicht hat er ja Recht“, denkt sich der Brasilianer.  Dort würde man ihm vielleicht eine faire Chance geben. Dort könnte er mit Würde an den Start gehen und wüsste, dass der Kampf nicht aussichtslos ist. Doch da erschallt schon der Startschuss. Während er ums Überleben kämpft denkt er: „Dabei sein ist alles…oder?“

Lutz Mertten, evang. Pfarrer Bad Königshofen