Aufgeschlossen - Materielle Ungleichheit

Am vergangenen Samstag war der Festtag Johannes des Täufers. Dessen Mutter Elisabeth, so lesen wir es zu Beginn des Lukasevangeliums, war im sechsten Monat schwanger, als sie von Maria (im ersten Monat schwanger) besucht wird. Johannes kommt also ein halbes Jahr vor Jesus zur Welt: an Johannis wird dessen gedacht. Als Maria zu Elisabeth kommt, wird sie von der mit dem berühmten „Ave Maria” begrüßt. Maria wiederum antwortet mit dem „Magnifikat”. Und dieses hat es in sich, denn da heißt es: Gott stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. (Lk 1,52f.) Maria bejubelt das. Wahrscheinlich, weil sie sich (und ihr ungeborenes Kind) eher bei den Niedrigen und Hungrigen ansiedelt.

Bei uns ist die materielle Ungleichheit gegenwärtig so groß wie nie zuvor. Immer mehr Menschen können ein Millionenvermögen anhäufen (oder erben es), während andererseits immer mehr im Niedriglohnsektor arbeiten müssen. Doch nun sind Dinge geschehen, die aufhorchen lassen: Donald Trump wurde von den Arbeitern im Rostgürtel der USA gewählt, die gemerkt haben, dass sie überflüssig geworden sind. Marine Le Pen bekam ihre Stimmen ebenfalls von nicht mehr gebrauchten Industriearbeitern und den Verlierern unter den Gewerbetreibenden. Und für den Brexit stimmten vor allem die Menschen in Großbritannien, die nach eigenem Bekunden nichts mehr zu verlieren zu haben. Die bittere Ironie: Einen Donald Trump haben die Sorgen dieser Menschen noch nie interessiert. Marine Le Pen hat außer der Produktion von Feindbildern nichts zu bieten. Und den Brexit werden vor allem die schmerzlich zu spüren bekommen, die ihn aufgrund ihres Gefühls der Benachteiligung gewählt haben. Allerdings zeigt das auch: In einer Demokratie besitzt der ärmste Schlucker etwas, das auch sein reicher Nachbar, und ist er noch so reich, nur einmal haben kann: seine Wählerstimme.

Es scheint, also ob die Menschen sich dieser Macht bewusst geworden sind; das Thema „Protestwahl” hat eine neue Dimension bekommen. Die Worte aus Mariens Mund klingen daher fast wie eine Warnung: Gott stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Wie jemand nur in Frieden leben kann, wenn es der Nachbar will, so kann nur der seinen Wohlstand genießen, wenn alle anderen nicht um ihr Existenzminimum kämpfen müssen. Das ist die Botschaft des Magnifikat, zu deutsch Lob Gottes: Unsere Gesellschaft darf sich nicht weiter in Gewinner und Verlierer aufspalten. Das ist zugegeben eine sehr eigenwillige Form des Gotteslobes, aber vielleicht eine, die jetzt auf unsere Agenda kommen muss.

Dekan Dr. Matthias Büttner, Bad Neustadt