Aufgeschlossen -

Demnächst beginnt die Passionszeit, die sechswöchige auch Fastenzeit vor Ostern. Sie ist eine besondere Zeit im Kirchenjahr. Aber irgendwie scheint uns gegenwärtig auch eine politische Passionszeit ergriffen zu haben: Brexit, erstarkender Nationalismus und Populismus in Europa; und in Amerika ein Präsident, bei dem Fakten und Phantasie regelmäßig durcheinander geraten. Nach der Passionszeit feiern wir in unseren Kirchen das Osterfest. Ostern ist Ausdruck der christlichen Grundgewissheit, dass Gott das Leben über den Tod stellt.

Ostern war aus diesem Grund viele Jahre auch das Ostern der Ostermärsche. Diese in den 80er Jahren zu Massenbewegungen angewachsenen Demonstrationen richteten sich gegen das System der nuklearen Abschreckung und plädierten für den Frieden zwischen West und Ost — mit anderen Worten: gegen den Tod und für das Leben. Es war die Zeit des Kalten Krieges zwischen NATO und Warschauer Pakt; ein kalter Krieg, der aber, so die Befürchtungen vieler, schnell in einen heißen umschlagen könnte. Deshalb das Engagement der Ostermärsche für den Frieden. Ob die Ostermärsche bald eine Renaissance erfahren werden? Als Europa-Märsche zum Beispiel? Bei aller möglichen und nötigen Kritik empfinde ich die europäische Einigung als das Großartigste, das das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Ich möchte nicht weniger Europa. Ich möchte mehr! Nur gemeinsam können wir Flüchtlingskrise, Umweltschutz und Steuergerechtigkeit wirksamer angehen.

Die Osterbotschaft lautet: Gott hat Christus vom Tod zum Leben erweckt. Diese Osterbotschaft lässt uns fragen, was dient dem Leben? Ich erlebe viele Menschen, die gegen dieses und jenes sind. Aber wäre es nicht wichtiger zu beschreiben, wofür wir sind, was zum Leben dient? In unseren Kirchen ist die Initiative „Sieben-wochen-ohne” längst etabliert. Sieben Wochen ohne Süßigkeiten, ohne Alkohol. Wie wäre es einmal mit sieben Wochen ohne Dagegen? Sieben Wochen ohne Runtermachen. Statt dessen sieben Wochen mit Dafür, mit Positivem, wertschätzendem Denken und Reden. Sozusagen als Einübung auf Gottes großes österliches Dafür. Die aktuelle Jahreslosung aus Ezechiel 36,26 passt so gut wie selten in ihre Zeit: Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.

Dr. Matthias Büttner, Dekan in Bad Neustadt